Motettenansprache zu „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ (BWV 22)

  • 10.02.2024
  • Prof. Dr. Dr. Andreas Schüle

Ansprache zur Motette am 10. Februar 2024, Thomaskirche zu Leipzig

„Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ (BWV 22)

Prof. Andreas Schüle

Liebe Gemeinde,

gelegentlich hört man, wie jemand sagt: „Ich kann auch noch ganz anders!“ In aller Regel ist das kein besonders freundlich gemeinter Satz. Man hört ihn derzeit in Verhandlungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Man hört ihn von genervten Eltern gegenüber renitenten Kindern. Man hört ihn eigentlich immer dann, wenn jemand das Bedürfnis hat, Überlegenheit zu zeigen. Aber wie das dann so ist: Ein solcher Satz offenbart immer auch eine gewisse Hilflosigkeit. Denn meistens kann man eben doch nicht anders. Meist geht die angedrohte Giftigkeit ins Leere, weil es Zwänge und Umstände gibt, denen man Ende nicht entkommt.

 

Und so scheint hinter dem Satz „Ich kann auch noch ganz anders!“ in Wirklichkeit eine sehr viel vorsichtigere Frage zu stehen: „Kann ich denn überhaupt anders?“ „Habe ich denn wirklich die Kraft und die Freiheit“, einmal anders zu sein – nicht so zu regieren, wie das alle von mir erwarten? Kann ich mich selbst noch überraschen? Wie festgefahren bin ich denn schon? Sind die Masken, die ich aufsetze, schon mein eigentliches Gesicht geworden?

 

Das sind Fragen, die in dieser Zeit des Kirchenjahres einen Ort haben. Nächste Woche, am Aschermittwoch, beginnt die Fastenzeit. Traditionell sind dies die vierzig Tage, in denen Christinnen und Christen sich auf die Karwoche und dabei vor allem auf Karfreitag und Ostersonntag vorbereiten. Es geht darum, den Leidensweg Christi ein Stück weit mitzugehen und dabei auf die Annehmlichkeiten zu verzichten, die das Leben sonst komfortabel und üppig machen. Es geht darum, auf das Selbstverständliche zu verzichten, um einen anderen, einen bescheideneren Blick auf sich und die Welt zu gewinnen.

Tatsächlich wird die Fastenzeit nicht nur innerhalb der Kirchen begangen. Es gibt viele Menschen, die es sich vornehmen, für eine begrenzte Zeit ganz bewusst auf etwas zu verzichten. Das sind oft kleine Dinge, die aber etwas darüber sagen, ob man denn wirklich auch mal anders kann. Der Verzicht auf Alkohol, Rauchen, auf Medienkonsum oder den ständigen Blick aufs Handy stehen bei vielen oben auf der Liste. Ich versuche seit Jahren erfolglos, auf Süßigkeiten zu verzichten. Das sollte nicht so schwer sein, aber dann geschieht eben doch etwas, wo ich mir einrede, dass ich mir jetzt doch wirklich die Tüte Gummibärchen verdient habe. Die Hintertür zur Selbstüberlistung steht ja bekanntlich immer weit offen.

Aber natürlich geht es um mehr. „Kann ich denn auch mal anders?“ Diese Frage geht derzeit mitten durch unsere Gesellschaft. In Politik, Medien, und der öffentlichen Meinung wird die Forderung lauter, dass wir uns grundlegend ändern müssen – in unseren Konsum- und Lebensgwohnheiten, in unseren Wertevorstellungen, sogar in unserer Art und Weise, wie wir Sprache benutzen. Und genau da beginnen dann auch die Verwerfungen, denn wer hat eigentlich das Recht zu sagen, wer sich wie ändern muss? Von einem „Wir können auch anders“ scheinen wir als Zivilgesellschaft derzeit jedenfalls weit entfernt zu sein.

Die Fastenzeit, liebe Gemeinde, als Vorbereitung auf Karfreitag und Ostern, bringt eine christliche Grundüberzeugung zum Ausdruck, die es – gerade in diesen Zeiten – wert ist, bedacht zu werden. Für den christlichen Glauben galt von Anfang an, dass der Sinn menschlichen Lebens im Wandel und in der Verwandlung liegt. Wir sind Wesen, an denen etwas vergehen muss, damit etwas neu werden kann. Das Kreuz des Karfreitags steht als Symbol für all das, was an mir vergehen muss, weil es keine Zukunft, kein Heil hat. Das Kreuz steht für all das, was an mir sterben muss, weil es mich sonst umbringen würde. Das leere Grab am Ostermorgen ist dagegen Symbol für das, was wir noch nicht sind, jedenfalls noch nicht ganz. Ostern steht für den Menschen, in den wir jetzt schon hineinwachsen, den wir anprobieren dürfen, bis er uns einmal zur zweiten Haut geworden sein wird.

Es geht darum, dass wir in der Fastenzeit erleben, wie sich das anfühlt, wenn etwas vergeht und gleichzeitig etwas neu zum Leben kommt. Diese Zeit des Kirchenjahres ist eine Einübung ins christliche Menschsein. Dann geht es nicht mehr die Frage, ob ich auch „ganz anders kann“. Nein, es geht darum, ob ich zulassen kann, dass Gott etwas aus mir macht, das ich noch nicht bin. Es geht darum, ob ich den Mut und die Gelassenheit aufbringen kann, mich Gottes Schöpferkraft anzuvertrauen. Das ist ein Loslassen und ein Ergreifen, ist Trauer und Freude, ist der Abschied von einer verbrauchten und überlebten Existenz und das Willkommenheißen eines neuen Lebens. Das ist der Mensch, der im Glauben lebt.

Für mich bedeutet das vor allem Freiheit und Souveränität. Es bedeutet einen Punkt zu haben, an dem ich sein kann in einer Welt, die ideologisch so aufgeladen ist wie schon lange nicht mehr. Glaube hat nichts mit Weltflucht zu tun, im Gegenteil. Der Mensch im Glauben, der Mensch im Vergehen und Werden, der Mensch zwischen Kreuz und Ostermorgen, steht mitten in der Welt, ohne sich ihr an den Hals zu werfen.

Johann Sebastian Bach hat diese Grundüberzeugung christlichen Glaubens immer und immer wieder in Musik umgesetzt. So auch in der Kantate, die gleich erklingen wird: „Jesus nahm zu sich die Zwölfe.“ Bach komponierte Sie für die Fastenzeit und zwar gerade, als er sich um die Stelle hier als Thomaskantor bewarb. In dieser Kantate werden wir sie hören können, die zwei Seiten des Lebens im Glauben – das Sterben und das Geborenwerden, das Vergehen und das Auferstehen. Und wir werden musikalisch den Übergang und die Verwandlung erleben, die als Verheißung über dem Leben im Glauben liegt.

Die Kantate beginnt schwer und düster. Es ist Passionsmusik, die sich hier ausbreitet in der Vorahnung des Kreuzes. „Jesus nahm zu sich die Zwölfe“ auf dem Weg nach Jerusalem, wo Leiden und Sterben auf ihn warten. Diese dunkle Vorahnung bestimmt den Eingangschor und die Arie „Mein Jesus, ziehe mich nach dir“. Im zweiten Teil verändert sich die Stimmung fast plötzlich und unerwartet. In der Arie „Mein alles in allem“ klingt Ostermusik an. Da ist Freude, das ist der Glaube angekommen in der Freiheit des Auferstehungslebens. Aber Bach und der unbekannte Textdichter der Kantate waren sich sehr wohl bewusst, dass dieser Weg zum Ostermorgen kein einfacher ist. Menschen bleiben gerne, wo sie sind, und, so sehr sie das auch meinen, können sie eben doch nicht auch „ganz anders.“

In der Kantate ist immer wieder die Rede davon, dass Christus uns mit sich und zu sich zieht. „Mein Jesus ziehe mich, so will ich laufen“, so beginnt das Rezitativ, das die Mittelachse der Kantate bildet. Mir jedenfalls fällt bei diesen Worten „ziehe mich, so will ich laufen“ ein störrisches Weidetier ein, das eine gewisse Ermutigung braucht, um sich in Gang zu setzen.

Den Abschluss bildet ein Choralvers, der ein kleines Juwel in sich ist. Der Text stammt von Elisabeth Cruciger, einer Frau, die mit Martin Luther befreundet war, von deren Werk als Poetin aber leider nur wenig erhalten geblieben ist. Dieser eine Vers rundet nicht nur die Kantate ab, sondern bringt das Leben des Glaubens auf den Punkt:

 

Ertöt uns durch dein Güte,
Erweck uns durch dein Gnad;
Den alten Menschen kränke,
Dass der neu' leben mag
Wohl hie auf dieser Erden,
Den Sinn und all Begehren
Und G'danken hab'n zu dir.

Wenn man diese alten Zeilen in Worte fassen will, die in unsere Zeit hineinsprechen, dann vielleicht so:

Gott, lass an uns sterben, was keine Zukunft hat,

Aber mach uns auch stark, damit wir nicht Vergangenheit sein müssen.

Lass den verbrauchten Menschen den Weg alles Irdischen gehen,

Damit der neue eine Ahnung vom Himmel haben kann.

Das alles geschehe, damit wir in diesen unversöhnten Zeiten, nicht an uns kleben bleiben, sondern Freude und Ruhe finden in dir.

 

Amen.